Märkte im Spannungsfeld von Krieg, Volatilität und Strukturbruch
Die globalen Finanzmärkte bewegen sich derzeit in einem Umfeld zunehmender geopolitischer Risiken und steigender Volatilität. Während politische Narrative dominieren, zeigt ein Blick auf Daten und Marktstruktur ein klareres Bild: Die Wahrscheinlichkeit eines länger anhaltenden Konflikts im Nahen Osten ist hoch, die Volatilität nimmt strukturell zu und mehrere wichtige Anlageklassen zeigen Trendbrüche.
Der entscheidende Punkt dabei: Nicht Geschichten bewegen Märkte dauerhaft – sondern Daten.
Geopolitische Risiken: Wahrscheinlichkeiten statt Schlagzeilen
Prediction Markets liefern inzwischen eine interessante zusätzliche Datenquelle für geopolitische Szenarien. Plattformen wie Polymarket bündeln Erwartungen tausender Marktteilnehmer und erzeugen daraus Wahrscheinlichkeiten für zukünftige Ereignisse. Historische Tests zeigen, dass diese Märkte häufig erstaunlich präzise sind – meist innerhalb einer Abweichung von etwa zwei Prozentpunkten.
Aktuell zeichnen diese Wahrscheinlichkeiten ein Bild eines länger anhaltenden Konfliktverlaufs im Iran-Konflikt:
- 64 % Wahrscheinlichkeit für einen Waffenstillstand zwischen den USA und Iran bis zum 31. Mai
- 70 % Wahrscheinlichkeit, dass der Konflikt zwischen Iran und Israel/USA bis zum 30. Juni endet
- 52 % Wahrscheinlichkeit, dass das iranische Regime vor 2027 kollabiert
- 37 % Wahrscheinlichkeit, dass Iran bis Ende Juni der Beendigung der Urananreicherung zustimmt
- 67 % Wahrscheinlichkeit, dass US-Truppen bis Ende des Jahres iranisches Territorium betreten
- 57 % Wahrscheinlichkeit, dass ein weiteres Land Iran bis 31. März militärisch angreift
Gleichzeitig wird erwartet, dass Iran im regionalen Umfeld militärisch aktiv bleibt. Die Wahrscheinlichkeiten für mögliche Angriffe im März liegen bei:
- Kuwait: 100 %
- Bahrain: 100 %
- VAE: 99 %
- Irak: 96 %
- Jordanien: 66 %
Positiv aus globaler Perspektive: Die Wahrscheinlichkeit einer chinesischen Invasion Taiwans bis Ende 2026 liegt derzeit nur bei etwa 11 %.
Diese Zahlen bedeuten nicht, dass die Ereignisse tatsächlich eintreten müssen. Sie zeigen jedoch, wie Märkte aktuell das Risiko-Spektrum geopolitischer Entwicklungen einschätzen. Und genau diese Einschätzung beeinflusst Kapitalströme.
Marktstruktur: Volatilität kehrt zurück
Parallel zur geopolitischen Unsicherheit verschlechtert sich die Marktstruktur.
Der VIX bewegt sich aktuell zwischen 19 und 30 Punkten – einer Zone erhöhter, aber nicht panischer Volatilität. Für Anleger bedeutet das: Märkte werden unruhiger und Richtungswechsel häufiger.
Die aktuelle Handelsspanne im VIX liegt bei etwa 17,99 bis 26,41, mit weiterhin bullischem Trend.
Gleichzeitig zeigt die Optionsstruktur eine klare Verschiebung:
- Investoren kaufen verstärkt langlaufenden Volatilitätsschutz
- Kurzfristige Volatilität steigt schneller als mittelfristige Volatilität
- Der Markt befindet sich zunehmend in negativer Gamma-Positionierung
In der Praxis bedeutet das: systematische Handelsstrategien beginnen, prozyklisch zu verkaufen, was Kursbewegungen verstärken kann.
Aus Flow-Perspektive ergibt sich daraus ein eher bärisches Gesamtbild für Risikoanlagen.
Trendbrüche bei wichtigen Anlageklassen
In Phasen steigender Volatilität wird die Trendanalyse entscheidend. In vielen institutionellen Modellen fungieren Trendwechsel als eine Art Stop-Loss-Mechanismus.
Mehrere zentrale Assets haben zuletzt ihre Trendstruktur verloren:
Neutraler Trend
- S&P 500
- High Yield Bonds (HYG)
Bärisher Trend
- Apple
- Nasdaq
- Technologie-ETF (XLK)
- DAX
- Microsoft
- Amazon
- Meta
- Alphabet
- Tesla
- Nvidia
- Bitcoin
Das bedeutet in vielen systematischen Strategien: keine Long-Positionen mehr – teilweise sogar Short-Positionierung.
Parallel dazu hat sich die Zinsstruktur weiter verschoben. Die Differenz zwischen zweijährigen und zehnjährigen US-Staatsanleihen ist in der Woche um 13 Basispunkte gefallen, was erneut auf eine wachsende Konjunkturskepsis hinweist.
Wo der Bullenmarkt noch existiert
Auch in schwierigen Marktphasen gilt eine alte Regel:
Es gibt immer irgendwo einen Bullenmarkt.
Aktuell konzentriert sich Stärke vor allem auf Energie- und Industriewerte.
Zu den Bereichen mit positiven Trends gehören unter anderem:
- Ölservice-Unternehmen
- Energieproduzenten
- Industriekonzerne
Beispiele für entsprechende Positionierungen sind ETFs wie:
- OIH
- XOP
- XLI
- BNO
Diese Märkte befanden sich bereits vor den jüngsten geopolitischen Spannungen im Aufwärtstrend, was ihre relative Stärke zusätzlich unterstreicht.
Gleichzeitig bauen viele institutionelle Investoren Positionen in langlaufenden Anleihen auf, da fallende Renditen erwartet werden. Dazu zählen beispielsweise:
- TLT (US-Langläufer)
- LQD (Investment-Grade-Unternehmensanleihen)
Europa: steigende Energiepreise als Risiko
In Europa zeigen sich ebenfalls erste strukturelle Schwächen. Mehrere Aktienmärkte haben ihre Aufwärtstrends verloren, darunter:
- Deutschland
- Irland
- Dänemark
- Griechenland
Ein zentraler Faktor ist der Anstieg der Erdgaspreise.
Der Preis für niederländisches Erdgas ist seit Beginn des Konflikts um 58 % gestiegen und liegt derzeit bei rund 50 €/MWh.
Zum Vergleich: Während der europäischen Energiekrise 2021–2022 bewegte sich der Preis zeitweise zwischen 116 und 339 €/MWh.
Davon ist Europa zwar noch weit entfernt – dennoch signalisiert der aktuelle Ausbruch nach oben eine neue Risikoquelle für die europäische Industrie.
Interessanterweise profitieren einige Energieexporteure von dieser Entwicklung. Ein Beispiel ist Norwegen, dessen Aktienmarkt weiterhin neue Hochs erreicht.
Der wichtigste Punkt: Kapital schützen
In einem volatilen Marktumfeld ist Disziplin entscheidend. Während viele Anleger weiterhin auf Narrative reagieren, zeigen aktuelle Performance-Vergleiche ein anderes Bild:
Seit ihren jeweiligen Hochs sind unter anderem gefallen:
- Retail-Lieblingsaktien: –21 %
- Bitcoin: –41 %
- Bitcoin-sensitive Aktien: –36 %
- „Magnificent Seven“: –10 %
- Palantir: –26 %
- Palo Alto Networks: –28 %
- Microsoft: –25 %
- MicroStrategy: –68 %
Der Unterschied zwischen Verlustvermeidung und Kapitalerhalt ist enorm.
Ein Anleger, der in diesem Zeitraum +5 % Rendite erzielt, liegt bereits:
- 31 % vor einem Investor mit –21 % Verlust
- 75 % vor einem Bitcoin-Investor mit –41 % Verlust
- über 250 % vor einem Investor mit –68 % Verlust
In volatilen Phasen entscheidet daher nicht nur die Rendite – sondern vor allem die Vermeidung großer Verluste.
Denn nichts zerstört langfristiges Kapital schneller als ein Crash.
Die wichtigste Lehre bleibt deshalb dieselbe:
Ein klarer, datenbasierter Prozess ist der einzige Weg, um Kapital zu schützen, Risiken zu kontrollieren und langfristig Vermögen aufzubauen.








